Anzeigenauslieferung im Netz 13.12.2019, 06:32 Uhr

Werbebetrug im Internet: Wie eine Branche gegen Ad Fraud kämpft

Werbende Unternehmen sind regelmässig von Ad Fraud betroffen. Allein im Bereich der Display Ads dürfte der Schaden in Deutschland bei 150 Millionen Euro liegen.
(Quelle: shutterstock.com/Golden Sikorka)
Vor einiger Zeit griff der Sicherheitsdienst von Apple zu: Er warf alle Apps einer indischen Firma aus dem Store, nachdem er festgestellt hatte, dass sie für Klickbetrug eingesetzt wurden. Es waren auf den ersten Blick harmlose Programme wie ein GPS-Tachometer, eine Radio-App oder ein Video-Bearbeitungstool. Doch vom Nutzer unbemerkt öffneten die Apps im Hintergrund andere Webseiten und klickten Links und Werbebanner an. 

Bots täuschen vor, User zu sein

Ad Fraud, Werbebetrug im Internet, ist weitverbreitet und zählt in Deutschland zu den grössten Problemen der Werbungtreibenden. Die Vorgehensweise der Betrüger ist dabei unterschiedlich. Ein gängiges Szenario ist, dass Bots vortäuschen, sie ­wären ein menschlicher User, der diverse Websites ansurft. Damit weckt er das Interesse eines Werbungtreibenden, dessen DSP ihm nun eine Werbebotschaft ausspielt. Meist landet diese dann auf einer gefakten Website, die von niemandem ­gesehen wird. Bezahlt werden muss sie trotzdem.
Dieses "Domain Spoofing" ist nur einer von vielen Tricks. Zum Handwerkszeug der Betrüger zählen Techniken wie "Hidden Ads“, "Pixel Stuffing“ oder "Click Bots“, die alle das Gleiche wollen: an einer Werbeauslieferung mitverdienen, ohne dafür irgendeinen ­Gegenwert zu bieten. Denn der User, der sie angeblich zu sehen bekommt, existiert nicht.
Dass Betrüger trotzdem abrechnen können, liegt an der automatisierten Werbeabwicklung und der intransparenten Medialandschaft. Durch die oft sehr langen, verschachtelten Verwertungsketten lässt sich kaum mehr erkennen, wer ­eigentlich der originäre Anbieter des ­Werbeplatzes ist. "Das Risiko, erwischt zu werden, ist gering - das Geschäft für Betrüger dagegen sehr lukrativ“, sagt Oliver Hülse, Managing Director bei Integral Ad Science (IAS).

Botnets steuern Potemkinsche Dörfer an

"Beim Ad Fraud lässt sich mit einfachen Mitteln eine ganze Menge Geld verdienen und das ohne hohe Risiken“, bestätigt ­Philipp von Hilgers, Mitgründer und CEO von Meetrics und im Digitalverband BVDW Vorsitzender der Fokusgruppe ­Digital Marketing Quality. "Manchmal ­simuliert eine ganze Armada von fern­gesteuerten Botnets, dass sie unterschiedliche Nutzer seien, und surfen Webseiten an, die aussehen wie normale Nachrichtenseiten, aber in Wahrheit Potemkinsche Dörfer sind."
Diese Seiten werden dann im automatisierten Werbehandel zu ­attraktiven Preisen angeboten und tatsächlich gebucht.
Links: typische menschliche Mausbewegung
Rechts: verdächtige Mausbewegung, die als Click-Fraud identifiziert wird
Quelle: Integral Ad Science
Der dadurch entstandene Schaden geht in die Millionen. Im aktuellen Digital Marketing Quality Report geht der BVDW davon aus, dass im Display-Bereich der "Invalid Traffic“ bei 4,2 Prozent liegt. Bei einem geschätzten Nettoumsatz von 3,6 Milliarden Euro (Online-Vermarkterkreis/Pro­gnose 2019) würde sich damit bei der Auslieferung von Display-Werbung ein Schaden von rund 150 Millionen Euro ergeben.
Andere Marktteilnehmer gehen von noch grösseren Summen aus. Genaue Zahlen existieren allerdings nicht. Der BVDW-Report basiert auf Angaben von Tech-Dienstleistern wie Meetrics oder IAS, die im Netz nach betrügerischen Bots suchen und diese eliminieren. Und deren Angaben variieren erheblich. Man weiss also nicht, wie mächtig der Feind eigentlich ist. "Alle messen nach ­unterschiedlichen, nicht standardisierten Kriterien und kommen dadurch zu zum Teil sehr unterschiedlichen Ergebnissen", sagt Christine Diener, Leiterin Digital bei der OWM, dem Verband, der die Interessen der Werbung treibenden Unternehmen vertritt. Der Verband fordert deshalb eine einheitliche, repräsentative Messung für den deutschen Markt. 



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