Wage es, zu löschen 11.02.2020, 20:38 Uhr

So wollen Forscher «Desktop-Messies» helfen

Unmengen von Daten zu speichern ist technisch kein Problem - aber es kann belastend sein für die Psyche, die Energiebilanz und den Geldbeutel. Künstliche Intelligenz soll dem Menschen nun beim Aufräumen helfen.
(Quelle: Pixabay )
Die Ordner auf dem Rechner quellen über. Mit ungelesenen Mails, längst vergessenen Dateien und Urlaubsfotos, die sich noch keiner angeschaut hat. Aber Löschen kommt nicht in Frage. Die Nachrichten könnten doch wichtig sein, die Bilder eine schöne Erinnerung.
«Das ist ähnlich wie bei einem unaufgeräumten Dachboden. Das belastet einen, aber niemand wirft was weg», meint Ute Schmid und zuckt mit den Schultern.
Die Professorin für Angewandte Informatik und Kognitive Systeme an der Universität Bamberg kennt das nur zu gut. Auch auf ihrem Rechner schlummern einige Dateileichen, gesteht die 54-Jährige. Dabei ist Vergessen und Löschen wichtig, besonders im Arbeitsalltag. «Zu viele Infos behindern uns nur», sagt Schmid. Arbeitsabläufe seien weniger effizient, das Lösen von Problemen falle schwerer. Ganz zu schweigen von der Suche nach wirklich wichtigen Informationen.

Unterstützung durch Künstliche Intelligenz

Ein Forschungsteam rund um Ute Schmid möchte dem sogenannten «Desktop-Messie» deshalb Hilfe anbieten. Sie entwickeln ein System, das dem Menschen beim Löschen und Vergessen helfen soll - intentionales, also gezieltes Vergessen als Gemeinschaftsaufgabe von Mensch und Künstlicher Intelligenz. «Dare2Del» heisst das Projekt, was so viel bedeuten soll wie «Wage es, zu löschen».
Denn für manche ist es tatsächlich ein Wagnis, Dateien zu löschen. «Digitales Horten» heisst das Störungsbild, das noch kaum erforscht ist. Etwa vier Prozent der Bevölkerung weltweit würden zwanghaft horten, sagt Psychologe Jörg Wolstein von der Universität Bamberg. Wie viele aber neben ihrer Wohnung auch den PC zumüllen, wisse niemand so genau. Denn dank Suchfunktionen und Cloud-Speicher bliebe die Krankheit lange geheim.
Betroffene sammeln zwanghaft Dokumente auf ihrem Rechner, sortieren stundenlang Musiktitel und horten externe Festplatten. «Löschen macht ihnen Angst», erklärt Wolstein. Eine innere Blockade hindere sie daran. «Sie fürhten, sonst etwas zu vergessen oder die Kontrolle zu verlieren.»
Die Forschung von Ute Schmid könnte helfen, das es erst gar nicht so weit kommt. «Davon können vor allem unstrukturierte Menschen profitieren, die nicht so organisiert sind», sagt die 54-Jährige. Dabei solle nichts heimlich verschwinden, denn gerade transparentes und nachvollziehbares Löschen sei wichtig. Nur wenn Personen sich bewusst mit der Entscheidung auseinandersetzen würden, könnten Arbeitsleistung und Beanspruchung positiv beeinflusst werden.


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