Computerworld vor 30 Jahren 02.07.2020, 08:00 Uhr

PCs erobern Schweizer EDV

Die Verbreitung von Computern in der Schweizer Wirtschaft stand 1990 noch am Anfang. Obwohl die Schweiz eines der Länder mit der höchsten PC-Verbreitung überhaupt war. Das lag aber vielmehr an den privaten Haushalten.
An der Autobahnraststätte «Heidiland» in Maienfeld orientierte neu ein Computer über Ferien in Graubünden
(Quelle: Mac Guffin Software)
Während in Schweizer Unternehmungen und Verwaltungen die Computertechnologie in den 1980er-Jahren erst langsam Fuss fasste, war die Adaptationsrate in den privaten Haushalten wesentlich höher.
Computerworld Schweiz berichtete Anfang 1990 von rund 400'000 Personalcomputern in Schweizer Betrieben. Die Wirtschaft und die Behörden würden jährlich Computerausrüstungen im Wert von circa 5 Milliarden Franken kaufen. Ende 1990 hatte das Bundesamt für Statistik ermittelt, dass jeder achte Schweizer einen PC zu Hause hat. Das ergibt bei damals 6,87 Millionen Einwohnern rund 860'000 Rechner. Allerdings hatte das Bundesamt auch diverse andere Fakten erhoben. Einer war: 44 Prozent der Computerbenutzer sind konfessionslos. Dieser Fakt sollte Gott und den Kirchen zu denken geben, befand Computerworld.
Die Glaubensgemeinschaften zählten (und zählen) noch lange nicht zu den eifrigsten Computerbenutzern. Obgleich sich die Kirchgemeinde Muri-Gümligen im Dezember 1990 anschickte, für einen Betrag von 220'000 Franken zwölf 386er-Rechner zu beschaffen. Ein lokaler PC-Händler, der stattdessen bedienerfreundliche Macs empfahl, wurde als «unregelmässiger Kirchgänger» abgekanzelt und bekam den Auftrag nicht. Die Gemeinde folgte vielmehr der Weisung ihres Pfarrers und segnete die Beschaffung ab. Dieser Bericht blieb dann allerdings auch die einzige Erwähnung eines Informatikeinsatzes in einer kirchlichen Institution in der Computerworld im Jahr 1990.

Aufbruch beim Bund

Die grösste Verbreitung wiesen Computer 1990 in den Schweizer Behörden auf – zumindest wenn es nach den Berichten der Computerworld geht. Von insgesamt 66 Artikeln über Informatikprojekte in der Schweiz entfiel fast ein Drittel auf die öffentliche Hand. An diesem Verhältnis hat sich bis heute kaum etwas geändert. Allerdings waren vor 30 Jahren die öffentlichen Verwaltungen auch der grösste Investor in die Hochtechnologie.
Allen voran Bern: Der Bund kaufte jährlich für annähernd 1 Milliarde Franken in der IT-Wirtschaft ein. Bis dahin wahllos, wie Computerworld schrieb. Das sollte sich im neuen Jahrzehnt nun ändern. Die departementsübergreifenden EDV-Leistungen sollten im neuen Bundesamt für Informatik gebündelt werden. Es wurde mit einem Startbudget von 72 Millionen Franken ausgestattet. Dank des Ausbaus der EDV-Zentrale sollte es möglich sein, dass bis zu 200 Benutzer ohne merkliche Zunahme der Antwortzeiten simultan arbeiten können. Für den weiteren Ausbau der Bundes­informatik war die damalige Eidgenössische Druck­sachen- und Materialzentrale EDMZ zuständig. Sie bot neu den Bundesämtern Zugriff auf das Finanzmanagement und das Inventar, das von rund 30 Dienststellen auch schon eifrig genutzt wurde. So hatten die Departemente diverse Fach­anwendungen in der Entwicklung: Ein Informatiksystem für Handelsdienste im Ausland hatte im Departement für auswärtige Angelegenheiten seine Feuertaufe zu bestehen.
Das im Departement des Inneren angesiedelte Bundes­archiv war im Begriff, ein Verfahren für die Erfassung, Aufbewahrung und Nutzbarmachung von statistischen Daten in sequenzieller Form zu entwickeln. Das Justiz- und Polizeidepartement wagte sich mit dem Fahndungssystem «Ripol» auf unsicheres Terrain, denn es fehlte für den Einsatz noch die rechtliche Grundlage. Das Millitärdepartement liess eine Telematikanwendung für die elektronische Kriegsführung weiterentwickeln. Die Departemente für Finanzen, Verkehrs- und Energiewirtschaft sowie Volkswirtschaft gaben sich hingegen bescheiden: Bei ihnen sei erst der «Aufbruch im Bereich der Informatik erfolgt», berichtete Computerworld.
Für 19 Parlamentarier wurden im März 1990 Laptops mit einer Textverarbeitung und einer Tabellenkalkulation angeschafft, damit sie in einer «PC-Pilotgruppe» mitwirken konnten. Ende Jahr sah man nur «zufriedene Gesichter» und registrierte unter den übrigen Volksvertretern einen «gewaltigen Appetit», sodass weitere 100 Geräte inklusive Drucker budgetiert wurden. Mit 15'000 Franken pro Parlamentarier.


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