Gastkommentar 11.06.2019, 18:02 Uhr

Warum Blockchain den Handel revolutionieren wird

Blockchain hat das Potenzial, die gesamte Digitalökonomie und die Rollen der Akteure neu zu definieren und sogar die Marktmacht führender Unternehmen wie Amazon auszuhebeln. Welche Bedeutung sich daraus für den Handel ergibt, erklärt Thomas Täuber von Accenture.
Thomas Täuber, Geschäftsführer Accenture Deutschland
(Quelle: Accenture)
Von Thomas Täuber, Geschäftsführer von Accenture Deutschland
Blockchain ist ähnlich wie Künstliche Intelligenz (KI) ein Hype-Thema, das bei fast jeder Handels-/Digitalkonferenz auf der Agenda steht. Blockchain hat das Potenzial, die gesamte Digitalökonomie und die Rollen der Akteure komplett neu zu definieren und sogar die Marktmacht führender Unternehmen wie Amazon auszuhebeln.
Blockchain ist ein verteiltes Datenregister und ermöglicht anonyme und nachvollziehbare Peer-to-Peer-Transaktionen, das heisst den Austausch von Informationen, Geld oder Ware, ohne Zwischenstellen. Inhalte können nachträglich nicht gelöscht oder manipuliert werden, da das Netzwerk sofort jede Inkonsistenz erkennt. Ob im Bereich Finanzen, Gesundheit, Logistik oder Handel: Man muss sein Gegenüber nicht mehr kennen um ihm zu vertrauen - das Vertrauen wird durch das System als Ganzes hergestellt.

Aktuelle Anwendungen von Blockchain im Handel

1. Supply-Chain-Nachverfolgbarkeit
Amazon hat kürzlich "Project Zero" eingeführt - hier können Marken unter anderem ihren Produkten eine Seriennummer zuweisen lassen, die die Identität des Originalproduktes von der Produktion über das Amazon Lager bis hin zum Verkauf sicherstellt. Die Lösung erfolgt ohne Blockchain mit einer zentralen DB und ist nur von Unternehmen mit einer entsprechenden Marktmacht durchsetzbar. Im Unterschied zu solchen "monopolistischen" Lösungen bietet Blockchain einen "demokratischen" Ansatz.
Das Start-up Provenance hat eine Blockchain-basierte Lösung entwickelt, anhand derer Marken, Hersteller und Händler den Weg der Produkte wie Lebensmittel oder Bekleidung gemeinsam nachverfolgen können. Externe Parteien, zum Beispiel Zertifizierungsorganisationen oder Konsumenten, können so verlässliche Produktinformationen einsehen. So setzt die US-Kette Walmart bereits auf Blockchain, um den Produktweg von der Schlachtung und Verarbeitung bis zur Kühltheke nachvollziehbar und fälschungssicher zu dokumentieren.
 
2. Kundenbindung
a) Smarter Umgang mit Kundendaten: Seine Kunden zu kennen, ist die Basis, sie effektiv zu binden. Adidas und Nike haben sich zum Beispiel von Sportartikelherstellern zu echten "Partnern" moderner Lifestyle-Kunden entwickelt. Adidas gewinnt über verschiedene Medien wie etwa Online Shop, Newsletter und Social Media Know-how über seine Kunden und kann sie über alle Kanäle hinweg identifizieren. Hinzu kommen Kundenkontakte über Online Communities, den Mitgliederclub Creator's sowie die App Runtastic, die Adidas umfangreiche Daten zur Zielgruppe der Läufer liefert.
Oft ist eine solche historisch gewachsene Struktur stark fragmentiert, mit mehreren Kundenidentitäten und komplexer IT. Blockchain als Garant sicheren Informationsaustauschs mehrerer Parteien eines Ökosystems kann hier die Lösung für ein einheitliches Identitätsmanagement sein.
 
b) Viele Bonusprogramme sind eher unflexibel und limitieren Händler in ihrer Fähigkeit, neue Kampagnen und Treuekonzepte zu entwickeln. Das Aufsetzen von Punktesystemen wie Miles & More ist kostenintensiv und technisch herausfordernd. Auch die Einbindung neuer Partner und die Verrechnung zwischen den einzelnen Systemen sind komplex. Hier ist die Umstellung auf blockchain-basierte Anwendungen mit dezentralem Transaktionsmanagement sinnvoll.
 
3. E-Commerce-Marktplatzmodell und Dezentralisierung der Macht
Aktuell verfügen zentral organisierte Marktplätze wie Amazon über einen Schatz an Kundendaten und haben eine extrem hohe Marktmacht. Durch Datenanalyse können Sortiment, Service und Marketing stetig optimiert und somit die Kundenbindung gesteigert werden. Teilnehmende Hersteller zahlen jedoch hohe Gebühren für den Verkauf ihrer Produkte. Ihnen ermöglicht Blockchain den Aufbau einer direkten Handelsplattform und die Verringerung der Gebühren, da sie auf die Drittpartei verzichten können.
Beispiel: Winding Tree, ein dezentraler B2B-Marktplatz für Reiseangebote, der die marktdominierenden Zwischenhändler ausschalten möchte. Nutzer wie Hotels und Fluggesellschaften können hier ihre auf die Kunden zugeschnittenen Reiseangebote direkt anbieten.
 
4. Autonome Ökonomie im Internet der Dinge
Im Internet der Dinge (IoT) wird der direkte Handel zwischen den Geräten eine wichtige Rolle spielen. Diese sollen selbständig Zahlungen tätigen und empfangen können. Das "Share & Charge"-Projekt von Innogy zeigt, wie ein Elektro-Auto die Ladestation direkt und autonom bezahlen kann. Beide "IoT-Teilnehmer" haben eine sogenannte Wallet auf der Blockchain und agieren als Wirtschaftsakteure im System.
Dies eröffnet neue Erlöspotenziale durch After-Sales-Services wie Installation, Wartung und Vermietung. Denkbar wäre auch eine Plattform zur kollaborativen Nutzung von DIY- oder Elektronik-Geräten wie Bohrer oder 3D-Drucker, deren Nutzung flexibel in Micropayment-/Pay-per-Use-Modellen abgerechnet werden kann.



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