Maschinen und Anlagen ins IoT katapultieren

Nachrüstung vs. Neuanschaffung

Die Entscheidung für oder gegen ein IoT-Retrofitting-Projekt sollte nicht allein von den Software- oder Hardware-Gegebenheiten abhängig gemacht werden. Zuvor müssen je nach Anwendungsfall einige Gesichtspunkte beachtet und die Vor- und Nachteile genau gegeneinander abgewogen werden. Ob Predictive Maintenance, vollständige Automatisierung der Steuerung oder auch Qualitätsverbesserung – bei all diesen Anwendungsfällen spielt zum Beispiel das Alter der Maschinen keine ausschlaggebende Rolle. Extrembeispiel: Bosch Rexroth präsentierte 2016 eine Drehbank aus dem Jahr 1887, die mit einem IoT-Gateway vernetzt wurde.
Field Engineers von Relayr rüsten Maschinen auf, um sie für IoT-Projekte tauglich zu machen
Quelle: Relayr
In der Praxis müsse man sich vielmehr in erster Linie die Frage stellen, ob ein IoT-Retrofitting wirtschaftlich sinnvoll ist und welche messbaren Vorteile sich ergeben, so Julian Weinkötz, Produktmanagement SPS und IoT-Software bei Bosch Rexroth: «Ein guter Ansatz ist ein schrittweises Vorgehen. Anwender binden in einem überschaubaren Pilotprojekt eine Station oder Maschine an das IoT an und evaluieren die Ergebnisse.» Auf diese Weise könnten Unternehmen nach Meinung des Bosch-Experten am besten konkrete Rückschlüsse auf die Wirtschaftlichkeit und damit auf die Sinnhaftigkeit eines IoT-Retrofittings ziehen.
Des Weiteren muss man bedenken, dass die Interaktion mit den nachgerüsteten Maschinen sich oft schwierig gestaltet: «Man kann zwar Daten gut ablesen, aber viele ältere Maschinensteuerungen lassen sich über ein Retrofit-Gateway nicht aktiv ansprechen», stellt Stefan Ried fest. Mit den modernen Maschinen, die für das IoT-Zeitalter gebaut worden sind, hat man dieses Problem nicht.
Schon allein wenn es nur darum geht, Sensoren ausserhalb einer Maschine anzubringen, sind manche Retrofitting-Projekte nach Aussage von David Petrikat, Global Director für Marketing beim IIoT-Plattform-Anbieter Relayr, «eine Operation am offenen Herzen». Petrikat weiter: «Treiber sind hier der aktuelle Zustand der Maschine und die benötigte Datenlage.» So ein invasiver Eingriff kann darüber hinaus dazu führen, dass damit die Herstellergarantie auf eine nachgerüstete Maschine erlischt.
“Sehr strategisch auf ein konkretes Ziel hinzuarbeiten ist erfahrungsgemäß viel sinnvoller, als einfach auf möglichst viel Technologie zu setzen„
David Petrikat,Global Director Marketing bei Relayr
Trotz der genannten Punkte bringt das IoT-Retrofitting gegenüber Neuanschaffungen viele Vorteile mit sich. Der Kostenfaktor ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Argumente für die Nachrüstung. Die Ausstattung des vorhandenen Maschinenparks mit neuer Hardware und Software erfordert in der Regel wesentlich weniger Investitionen als dessen vollständige Erneuerung. So hat Bosch Rexroth bis dato nicht vernetzte Hydraulik-Prüfstände mit seinem IoT Gateway Starter Kit in das IoT eingebunden und dadurch die Wartungskosten dauerhaft um 25 Prozent gesenkt. Nach Aussage von Julian Weinkötz hat sich diese Investition bereits nach 18 Monaten amortisiert.
Dank des IoT-Retrofitting-Ansatzes verlängert sich auch die Nutzungsdauer der alten Bestandsmaschinen und Anlagen. Die Mechanik ist oft auf viele Jahre oder gar Jahrzehnte ausgelegt – es sind die Software und die IT-Systeme, die sich schnell entwickeln und damit auch schnell veralten.




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