Nachhaltigkeit 17.09.2019, 07:09 Uhr

E-Commerce wird grün

Der Öko-Trend ist im Online-Handel angekommen. Doch wie ernst meinen es die Anbieter mit ihren Nachhaltigkeitsversprechen? Und: Kann man damit auch Geld verdienen?
(Quelle: shutterstockcom/Paulaphoto )
An den Marktführern lässt sich erkennen, dass das gestiegene Bewusstsein für Klimaschutz und Nachhaltigkeit auch im Online-Handel angekommen ist: Amazon hat unter dem Projektnamen "Shipment Zero" angekündigt, dass bis 2030 die Hälfte aller Pakete klimaneutral verschickt werden soll. Um das Ziel zu erreichen, will der Online-Gigant unter anderem auf Elektroautos, wiederverwendbare Verpackungen und erneuerbare Energien setzen. Wettbewerber Zalando will ebenfalls mit recycelbaren Verpackungen den Versand nachhaltiger machen. Zudem testet der Online-Händler die Option, dass Kunden im Checkout eine freiwillige Zusatzgebühr entrichten, um die mit ihrer Bestellung entstehenden Emissionen zu kompensieren. Was Amazon und Zalando vorexerzieren, passt zum aktuellen Öko-Trend. Doch wie ernst ist es den Online-Riesen mit ihrem Nachhaltigkeitsbewusstsein?
"Die Politik muss der Amazonisierung des Alltags einen Riegel vorschieben", Viola Wohlgemuth, Campaignerin für Consumer-Themen bei Greenpeace
Quelle: Jiri Rezac - Greenpeace
Viola Wohlgemuth, die sich als Campaignerin für Consumer-Themen bei Greenpeace mit dem Online-Handel ­beschäftigt, ist skeptisch: "Das Grundproblem an den Ankündigungen von Amazon und Co. ist, dass keiner der grossen Online-Händler konkrete Zahlen über den aktu­ellen Istzustand nennt." Ein ständig steigendes Paketvolumen, immer grössere Ressourcen- und Emissionsaufkommen, die hohe Retourenquote sowie die damit verbundene Vernichtung zurückgesandter Waren: All das seien keine Randprobleme, sondern zentrale Bestandteile des E-Commerce-Geschäftsmodells. "Das hat zu ­einer Amazonisierung des Alltags geführt. Diese Mentalität wurde den Konsumenten jahrzehntelang vorgelebt und hat sich eingeprägt. Von dieser ­Bequemlichkeit wieder runterzukommen, ist schwer." Greenpeace sieht deshalb die Politik in der Pflicht. Sie müsse mit Gesetzen dafür sorgen, dass beispielsweise der Vernichtung von Neuware ein Riegel vorgeschoben oder die Versandkostenfrage geregelt werde. "Wenn für alle Anbieter die gleichen Regeln gelten, müssen nicht mehr die Konsumenten vor die Wahl gestellt werden, für nachhaltige ­Angebote mehr zu bezahlen."

Nachhaltigkeit als Alleinstellungsmerkmal

Während die grossen Online-Händler erst in jüngster Zeit mit vollmundigen Ankündigungen auf den Öko-Trend aufspringen, gibt es eine Reihe von Händlern und Herstellern, die bereits seit vielen Jahren mit Überzeugung ein nachhaltiges Handelsmodell verfolgen. Einer von ihnen ist ­Stefan Neubig, der parallel zu dem von ihm gegründeten Online-Service Aboalarm.de mit dem "Sonnenglas" seit 2013 ein faires und ökologisches Produkt herstellt und vertreibt. Das Einmachglas mit der Solarlampe im Deckel verschönert als stimmungsvolle Beleuchtung lange Sommerabende und wird unter nachhaltigen ­Bedingungen in Südafrika hergestellt. "Man muss es mit der Nachhaltigkeit ernst nehmen", erklärt Neubig: "Klimaneutraler Versand alleine reicht nicht, man muss den Kunden seine Story präsentieren und herausschälen, wie man mit dem Produkt einen Nutzen für Menschen und Umwelt schafft." Dann ­habe man ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem man sich dem Preiskampf entziehen könne. Auch bei Amazon sei das "Sonnenglas" zu einem grossen Erfolg ­geworden - und das trotz einer steigenden Anzahl von Billignachahmern. Um das nachhaltige Produkt auf der Plattform zu verkaufen, müsse man zwar manchmal Kompromisse eingehen - zum Beispiel bei der Nutzung von Amazons Versand­service FBA -, doch habe man trotzdem Spielraum für Nachhaltigkeit: "Wir versuchen mit einem guten Service zu erreichen, dass sich die Kunden erst bei uns melden, bevor sie das Produkt zurückschicken. Oft lässt sich dann eine Lösung finden."


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