Misserfolge 04.06.2020, 18:06 Uhr

Warum Digitalisierungsprojekte scheitern

Viele Faktoren beeinflussen die Digitalisierung. Massgeblich sind dabei vor allem die vier Punkte Kultur, Komplexität, Kompetenz und Konsequenz.
(Quelle: VectorKnight / shutterstock.com )
Es hätte so schön sein können. Mit «Passion for Performance» (P4P), so der Titel des Projekts, widmete sich der deutsche Versandhändler Otto drei Jahre lang der Integration von rund 100 Tochtergesellschaften in einem einheitlichen Warenwirtschaftssystem von SAP. Tausende Manntage und einen zweistelligen Millionenbetrag später wurde das Projekt beerdigt.
«Angesichts der hohen Komplexität und der zum Teil sehr heterogenen Strukturen der Konzernunternehmen besteht die flexiblere und damit wesentlich bessere Lösung darin, die Otto Group IT künftig dezentral zu managen», erklärte der Konzern in einer Pressemitteilung. Und damit war das Projekt Vergangenheit.
Digitalisierungsprojekte, bei denen es um die Einführung, Integration oder Konsolidierung von SAP-Umgebungen geht, scheinen insgesamt eine gute Chance auf Scheitern zu haben. Das Fachblatt «Wirtschaftswoche» listet unter der Überschrift «Gefloppte SAP-Projekte» neben Otto auch die Deutsche Bank, Lidl, Edeka, die Deutsche Post und DocMorris auf. «Die Komplexität einer SAP-Umgebung wächst mit der Anzahl der Systeme und der Schnittstellen extrem stark, daher scheitern solche Grossprojekte oft», sagt Berater, Business- Coach und Trainer Markus Kammermeier, der als Geschäftsführer von Change42 Unternehmen bei der digitalen Transformation berät.
Natürlich kann man Digitalisierungsprojekte auch ohne Hilfe aus Walldorf in den Sand setzen. Eine gute Gelegenheit bieten beispielsweise Fusionen und Übernahmen. Die Deutsche Bank verschluckte sich gehörig an der Integration der Postbank-IT, die Commerzbank sparte sich die Mühen der Integration gleich ganz und schaltete bei der Übernahme der Dresdner Bank deren Computersysteme grösstenteils einfach ab, obwohl diese nach Meinung vieler Experten der Commerzbank-IT deutlich überlegen waren.
“Technologie allein kann keine digitale Transformation bewirken.„
Markus Kammermeier, Geschäftsführer von Change42
Auch die öffentliche Hand kann einige Misserfolge bei der Digitalisierung vorweisen. Die Bundesagentur für Arbeit etwa versenkte 60 Millionen in dem Projekt «Robaso» (Rollenbasierte Oberfläche), das den Mitarbeitern statt 16 unterschiedlichen Anwendungen eine einheitliche Bedienoberfläche zur Verfügung stellen sollte. Kurz vor Fertigstellung merkten die Verantwortlichen, dass einmal eingegebene Stammdaten wie etwa die Bankverbindung oder die Adresse nicht mehr geändert werden konnten. Die Mitarbeiter hätten daher bei jeder Änderung den kompletten Datensatz neu anlegen müssen.
Das Digitalisierungsprojekt «CIT Quadrat» der Bundeswehr ist vor allem ein Beispiel für die Verschwendung von Steuergeldern. Die Verantwortlichen beglichen Beraterhonorare in Millionenhöhe vergaberechtswidrig aus Töpfen, die dafür gar nicht vorgesehen waren. Der Bundesrechnungshof vermutet gar ein «Buddy-System». Mitarbeiter der Bundeswehr hätten an den Vergaberichtlinien vorbei und ohne ordentliche Ausschreibung Aufträge gezielt an bestimmte Beratungsunternehmen vergeben, so der Vorwurf.


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