IP-Kameras und Co. 03.06.2016, 07:17 Uhr

Steigende Einbuchzahlen - So können Smart-Home-Systeme schützen

Nachrüstlösungen können professionelle Sicherheitssysteme zwar nicht ersetzen, mit Kameras, Bewegungsmeldern und Co. lässt sich die Sicherheit aber deutlich erhöhen.
(Quelle: Andrey_Popov-shutterstock)
Die Zahlen lesen sich erschreckend: Mehr als 167.000 Wohnungseinbrüche musste die Polizei im vergangenen Jahr aufnehmen – das sind knapp zehn Prozent mehr als noch 2014 und rund 57.000 mehr als im Jahr 2005. Für die Betroffenen ist aber nicht nur der materielle Schaden enorm, laut der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) gab fast jeder vierte an, bis zu einem Jahr nach einem Einbruch noch unter Stress und Angstzuständen zu leiden, dieselbe Menge an Personen würde  den Angaben zufolge am liebsten den Wohnort wechseln.
Die aktuelle PKS gibt das wieder, was sich auch in verschiedenen Studien zum Thema Smart Home abzeichnet – ein steigendes Bedürfnis nach Sicherheit in den eigenen vier Wänden. In Umfragen landet das Thema Security stets weit vorne oder sogar an erster Stelle vor anderen Bereichen wie Convenience, Home Entertainment oder Energiesparen. Dementsprechend gross ist mittlerweile auch das Angebot an smarten Lösungen, um das Haus oder die Wohnung sicherer vor Einbrüchen  zu machen.
Netgear hat mit der ­Arlo Q sein Portfolio um eine stationäre IP-Cam erweitert
An erster Stelle sind hierbei wohl die IP-Kameras zu nennen. War es bis vor wenigen Jahren noch relativ kompliziert, diese ins Heimnetzwerk einzubinden, um sie dann auch von unterwegs aus per App oder Browser ansteuern zu können, so sind die derzeit verkauften Geräte meist auch von absoluten Laien zu installieren. Entweder muss einmalig eine Bluetooth-Verbindung mit dem Smartphone hergestellt und dann der WLAN-Schlüssel eingegeben werden, oder die App generiert einen einzigartigen QR-Code auf dem Smart­phone-Display, das man dann in die Kamera hält. Der Rest geschieht quasi automatisch, nach nicht mehr als ein paar Minuten kann der Nutzer dann via App auf das Gerät zugreifen.

IP-Kameras: Abschreckung oder echte Sicherheit?

Der Sicherheitsgewinn durch die Kameras ist jedoch zwiespältig zu sehen, denn meist handelt es sich um solche für den hausinternen Gebrauch, da sie nicht wetterfest sind. Eine Abschreckung potenzieller Einbrecher findet folglich nicht statt, es ist nur möglich, der Polizei nach erfolgtem Einbruch Bildmaterial zukommen zu lassen. Dabei sind Geräte mit Full-HD-Auflösung natürlich besser geeignet als solche mit lediglich einfacher HD-Qualität, die aber immer noch das Gros der Produkte ausmachen. Die allermeisten haben zumindest Infrarot-LEDs und zeichnen so auch bei völliger Dunkelheit auf. Denn rund 97.000 Einbrüche ereigneten sich laut PKS 2015 nachts.
Einige Kameras wie die Logi Circle lassen sich dank Batterien oder Akkus flexibel positionieren
Sicherheitsbewusste Kunden sollten zudem darauf achten, dass die Kamera die Daten nicht nur lokal speichert, sondern auch in der Cloud. Stiehlt der Einbrecher die Kamera, sind ansonsten nämlich auch die Aufnahmen verloren. Der Trend zu Kameras, die nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen sind (zum Beispiel Withings Home oder MyFox Camera) macht es den Kriminellen zumindest schwer, in der Eile zu erkennen, ob sie gerade aufgezeichnet werden. Auch batteriebetriebene Lösungen wie Netgears Arlo oder die mit einem Akku bestückte Logi Circle von Logitech lassen sich zudem an jeder erdenklichen Position aufstellen, auch ohne Steckdose in Reichweite.
Vorsicht ist jedoch bei sogenannten Spionagekameras geboten, wie sie unter anderem der Versender Pearl immer wieder im Programm führt. Gemeint sind Kameras, die einen anderen Gegenstand vortäuschen – etwa ein Buch, eine Uhr oder eine Zigarettenschachtel. Nach Paragraf 90 Telekommunikationsgesetz (TKG) sind solche Geräte verboten, „die mit Gegenständen des täglichen Gebrauchs verkleidet und auf Grund dieser Umstände in besonderer Weise geeignet und dazu bestimmt sind, das Bild eines anderen von diesem unbemerkt aufzunehmen“. Die Bundesnetzagentur geht seit einiger Zeit vehement gegen Anbieter solcher IP-Kameras vor, um den Verkauf zu unterbinden.

Push-Message von der Überwachungskamera

Praktisch alle Geräte bieten die Möglichkeit, bei Erkennung einer Bewegung oder eines Geräuschs den aktuellen Videostream direkt per Push-Message an den User zu senden. So kann die Polizei beispielsweise direkt nach dem Einbruch zum Haus gerufen werden, selbst wenn man gerade Tausende Kilometer weit entfernt im Urlaub weilt.
Gigaset bietet ein Security-System für Elements mit Bewegungsmelder
Interessant mit Hinblick auf die Abschreckung oder die Vereitelung von Einbrüchen ist die Kombination von Kamera und Alarmsirene, wie sie etwa Gigaset mit Elements im Programm hat. Stellt eine solche IP-Cam oder ein im Heimnetz inte­grierter Bewegungsmelder eine Aktivität fest, wird die Sirene mit meist mehr als 100 Dezibel ausgelöst. Aufgrund der Lautstärke ist die Position der Sirene nicht unmittelbar festzustellen, die Kriminellen ergreifen meist sofort die Flucht.
Neben solchen Verbindungen aus Kamera oder Bewegungsmelder mit Alarmsirene gibt es auch Tür- und Fensterkontakte, die per Batterie betrieben werden und bei Erschütterung die Sirene auslösen können. Hierbei sind – wie auch bei den Kameras – etwas teurere Markengeräte solchen von unbekannten Anbietern vorzuziehen. Gute Sensoren, wie etwa die im Elements-System verbauten, können zwischen einem Einbruchversuch mit Stemmeisen oder Ramme und einem versehentlichen Zuschlagen der Wohnungstür unterscheiden – eine günstige Lösung unter Umständen nicht.
IP-Kameras können Videos eines Einbruchs direkt an den Nutzer schicken
Ein aktuelles Beispiel: Seit einigen Wochen haben Händler beim Verkaufen von IP-Kameras ein unschlagbares Argument in der Hand, wenn sich der Kunde über den in seinen Augen hohen Preis beklagen sollte. Die Stiftung Warentest hat sich ein beim Discounter Aldi Nord angebotenes Modell genauer angesehen und dabei gravierende Mängel bezüglich Datensicherheit und möglichem Fremdzugriff auf den Videostream festgestellt. Das Gerät sei „nicht zu empfehlen“.
Die Anbieter von Smart-Home-Lösungen im Sicherheitsbereich setzen daher auch stark auf gute Verschlüsselung, denn auch eine noch so gute Kamera oder ein noch so guter Bewegungsmelder nützen nichts, wenn die Ganoven vorher das Netzwerk hacken und die Geräte einfach deaktivieren. Im schlimmsten Fall greifen sie sogar vorab den Stream der Kamera ab und sehen sich in aller Ruhe in der Wohnung oder dem Haus des Opfers um. 

Smarte Zutrittskontrolle

Intelligente Türkontrolle beim System „Entr“ von Yale
Während die meisten Tür- oder Fensterkontakte einfach per Klebestreifen befestigt werden, gehen Lösungen wie Nuki oder Entr noch einen ganzen Schritt weiter. Diese Systeme setzen direkt am Türschloss an und erlauben ein Öffnen mit dem Smartphone. Bei Nuki muss der Schliesszylinder nicht ausgewechselt werden, eine Mechanik dreht den auf der Innenseite im Gehäuse steckenden Schlüssel bei erfolgter Authentifizierung durch eine Smartphone-App. Beim System Entr wird der Schliesszylinder ausgewechselt, was deutlich aufwendiger ist und zumindest ein gewisses handwerkliches Geschick vor­aussetzt. Dafür können sich bis zu 20 Nutzer per Fingerabdruck, PIN-Code oder App authentifizieren.
Echte Sicherheitslösungen zum Einbruchschutz sind dies allerdings nicht, ­der Schwerpunkt liegt hier vielmehr auf dem Wissen, wer wann das Haus betreten hat, beziehungsweise der Fernentriegelung. Steht beispielsweise der Kurierdienst mit einem Paket vor der Tür und klingelt, kann der Nutzer mit einer Aussenkamera zunächst prüfen, wer da vor der Tür steht, diese vom Smart­phone aus für einen kurzen Zeitraum entriegeln und wieder verschliessen, sobald der Bote das Paket in den Flur gestellt hat.
Thomas von Baross, Managing Director D-Link Deutschland und Vice President für Central & Eastern Europe
Egal für welche Lösung sich der Kunde am Ende entscheidet, für den Händler ist der Verkauf ein lohnendes Geschäft. Denn wenn es um die eigene Sicherheit geht, sind die Konsumenten eher als sonst bereit, Geld auszugeben und nach guter Beratung mehr als ursprünglich geplant zu investieren. Auf Förderung vom Staat müssen sie dabei jedoch immer noch weitgehend verzichten, denn diese bleibt professionellen Sicherheitssystemen vorbehalten, was auch Thomas von Baross stark kritisiert. „Es gibt zwar Förderprodukte der KfW für Einzelmassnahmen zum Einbruchschutz, die ab dem 1. April sogar noch einmal erweitert wurden. Allerdings zielt das Programm sehr stark auf den Einbau von einbruchhemmenden Nachrüstsystemen ab“, so der Managing Director der D-Link Deutschland GmbH und Vice President für Central & Eastern Europe.




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