Köpfe des Informatik-Jahres 1990

Wer bremst Michael Dell?

Michael Dell startete vor 30 Jahren mit dem Computer-Direktvertrieb an die Endkonsumenten
Quelle: CW-Archiv
Vom PC-Boom Anfang der 1990er-Jahre sollte auch der Computerkonzern Dell profitieren. Das Unternehmen war mit dem telefonischen Direktverkauf an gewerbliche Anwender in den späten 1980ern im englischsprachigen Raum gross geworden. In der Schweiz spielte Dell noch kaum eine Rolle. Für Computerworld war das Grund genug, den Konzern und seinen Gründer zu porträtieren: Dells Anfänge mit 1000 US-Dollar und der Idee des Direktvertriebs, der erfolgreiche Börsengang 1988, der 93,5 Millionen in die Kasse spülte, und die Fehlkalkulation im gleichen Jahr, als sich Dell beim Auftragsvolumen verschätzte und auf vollen Lagern sitzen blieb. Die Wall Street reagierte mit einem heftigen Vertrauensentzug, was den Gründer zu der lakonischen Bemerkung veranlasste: «Ich kümmere mich nicht um den Aktienkurs, sondern um den Aufbau meiner Firma.»
Das neue Jahrzehnt sollte für Dell zunächst zwei Ver­änderungen bringen: Erstens stieg die Firma ins Geschäft mit Endkonsumenten ein und suchte dafür zweitens den Schulterschluss mit Detailhändlern. Neu waren Dell-
Computer auch bei Soft Warehouse, dem Vorgänger von CompUSA, gelistet. Später folgten Best Buy sowie die Club-Ketten Costco und Sam’s Club. Was Computerworld 1990 noch nicht wissen konnte: Die neuen Vertriebsstrategien sollten sich für Michael Dell auszahlen. Zwei Jahre später wurde der Computerkonzern erstmals in der Liste der weltweit 500 grössten Firmen aufgeführt. Der damals gerade 27 Jahre alte Michael Dell wurde der jüngste CEO eines «Fortune 500»-Unternehmens. Mit der Lancierung des Online-Shops im Jahr 1996 sollte das Wachstum weitergehen. Fünf Jahre später war Dell der grösste PC-Hersteller der Welt.

«Schweizer Qualität» für Steve Hui

Einer der Wettbewerber von Dell war 1990 die kalifornische Firma Everex, kurz für «Ever for Excellence». «Wir sind im PC-Bereich, was IBM bei den Mainframes ist», charakterisierte Mitgründer Steve Hui das Alleinstellungsmerkmal seines Unternehmens. Everex besass eine sehr vielseitige  Produktpalette – bot beispielsweise Hardware für Apple, DEC, IBM-PCs und Unix-Systeme an sowie auch Equipment für Bildverarbeitung und Netzwerke. Alle Lösungen fertigte Everex in eigenen Fabriken, womit auch auf Marktschwankungen reagiert werden konnte. «Schneller zu sein als die Konkurrenz, genügt nicht mehr. Es geht heute darum, die Entwicklung von Zentraleinheiten, Peripheriegeräten sowie Software zu kontrollieren und zu steuern», sagte Hui an einem Medienanlass in Zürich.
Pläne für die Expansion nach Europa führten den Gründer in die Limmatstadt. Hui wählte die Schweiz als Ausgangsbasis, weil das Qualitätsbewusstsein hier seinen Vorstellungen entspreche, so Computerworld. «Es ist für uns ein Markt mit hohen Anforderungen und einem beacht­lichen Qualitätsstandard», sagte Hui. Ausserdem habe Everex einen technisch versierten Distributor gefunden: Die 1988 gegründete Dataset hatte sich auf den Fachhandel fokussiert. Sie bekam allerdings nicht die komplette Everex-Produktpalette geliefert, sondern nur eine «kleine, aber feine Auswahl», wie Geschäftsführer Max Ochsner sagte. Ein Highlight war ein Novell-Server mit SCSI-Subsystem für externe und interne Speicher bis 650 Megabyte Kapazität. Alternativ liess sich ein DAT-Bandlaufwerk einbauen, das in einem AT-Einschub Platz fand und pro Kassette wahnwitzige 1,3 Gigabyte unterbrachte. Für die damals gerade aufstrebenden Next-Rechner hatte die Everex-Tochter­gesellschaft «Abaton» einen kompatiblen Flachbettscanner entwickelt – den ersten überhaupt.
Die Vielseitigkeit der Produktpalette sowie die sinkenden Margen im Geschäft mit den PC-Klonen sollten Everex in den folgenden Jahren in grosse wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen. Schon 1991 machte das US-amerikanische Unternehmen Verluste, Ende 1992 musste mehr als die Hälfte der 2000 Angestellten gehen. Ein Jahr später folgte der Verkauf an die taiwanesische Yside Investment Group. Der Schweizer Partner Dataset war parallel mit Computer2000 zusammengegangen.


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