Cloud-Nutzung von Software 08.01.2019, 10:46 Uhr

Cloud-Lizenzen als Kostenfalle

Lizenzprobleme bei der Migration von Bestands-Software können teuer kommen. Allerdings führt kaum noch ein Weg an der Cloud vorbei. Unternehmen sollten jedoch stets eine Exit-Strategie parat halten.
(Quelle: Dukes / shutterstock.com )
Wenn der Software-Hersteller sich zu einem Lizenz-Audit ankündigt, verfallen viele Unternehmen wahlweise in Schockstarre oder hektische Betriebsamkeit. Die Sorgen sind nicht ganz unberechtigt, denn in vielen Unternehmen nimmt man es mit der Lizenzierung nicht so genau. Die Business Software Alliance (BSA), ein Interessenverband der Software-Hersteller, schätzt den Anteil der unlizenzierten Software in Deutschland auf 20 Prozent aller verwendeten Programme, ihren Wert auf 1,3 Milliarden Euro.
Stellt der Software-Hersteller im Audit eine Fehl- oder Unterlizenzierung fest, kann es teuer werden. „Ich habe Fälle bei Kunden erlebt, wo Lizenzkosten für zehn Jahre rückwirkend fakturiert wurden“, sagt Marvin Neumann, Director Sales & Marketing beim Internet-Service-Provider net.DE AG. „Da können sich die Nachzahlungen schon einmal im siebenstelligen Bereich bewegen.“
Mit dem Gang in die Cloud hat dieses Zittern ein für allemal ein Ende - das glauben zumindest viele Anwender. Schliesslich rechnen die Provider sofort und nutzungsabhängig ab, sodass eine Unterlizenzierung gar nicht erst entstehen kann. „Oft wird die Nutzung von Cloud-Services von Kunden als unkompliziert wahrgenommen“, beobachtet Stefan Wangler, Senior Consultant SAM beim IT-Dienstleister Axians IT Solutions.
Stefan Wangler
“„Der genutzte Service wird zum Teil aus der Cloud und zum anderen Teil aus der eigenen IT-Infrastruktur bedient. Somit entstehen hybride Lizenzierungsmodelle.“„
Stefan Wangler
Senior Consultant SAM bei  Axians IT Solutions
„Es lässt sich der Eindruck gewinnen, dass eine Kontrolle beziehungsweise Verwaltung nicht erforderlich ist, um eine Fehl­lizenzierung zu verhindern.“ Ein gefährlicher Irrtum, findet nicht nur Wangler.
„Das Lizenzmanagement wird durch die Cloud noch komplexer und aufwendiger“, sagt beispielsweise auch Jan Hachenberger. Er ist Vice President beim Software-Asset-Management-Spezialisten Anglepoint. „Und mit der Komplexität steigen auch die Risiken“, warnt Hachenberger.

Risiko: Lizenzmodelle

Vor allem wenn Unternehmen bestehende Lizenzen in die Cloud übertragen möchten, kann die Art der Lizenzierung für unliebsame Überraschungen sorgen. Betriebssysteme, Datenbanken, Middleware und andere Hardware-nahe Lösungen werden beispielsweise häufig nach der Zahl an CPUs oder Kernen in den Servern lizenziert, auf denen sie betrieben werden.
Das kann bei einer Cloud-Migration einiges kosten. „In der Cloud kann eine Applikation theoretisch auf Hunderten von Servern mit Tausenden von Kernen laufen, die alle korrekt lizenziert werden müssten“, erklärt Marvin Neumann von net.DE. Daher kämen oft Konstrukte zum Einsatz, die technisch wenig sinnvoll seien.
„Viele Lösungen liessen sich problemlos und ohne Performance-Einbussen virtualisieren“, erklärt Neumann. „Aus Kostengründen ist es aber besser, sie auf einem dedizierten Server zu betreiben und diesen an die Cloud anzubinden.“ Auch Cluster-Konstruktionen, bei denen sich mehrere Kunden die Ressourcen und damit auch die hohen Lizenzkosten teilten, seien eigentlich eine Krücke. „Das erzeugt zusätzlichen Managementaufwand und verhindert, dass man die ganze Dynamik der Cloud nutzen kann.“
Weniger problematisch sind auf den ersten Blick nutzerbasierte Lizenzmodelle. Sie lassen sich prinzipiell auch in der Cloud abbilden. Oft machen es allerdings komplexe Gebilde aus gerätebasierten, nutzergebundenen Named-User- und auf die Zahl gleichzeitig zugreifender Anwender bezogene Concurrent-User-Lizenzen schwierig, die beste Kombination für den eigenen Gebrauch zu finden. Besonders teuer kann es durch eine sogenannte indirekte Nutzung werden.
Applikationen greifen häufig über Schnittstellen auf andere Systeme wie Datenbanken, Java oder ERP-Lösungen zu, die auf den ersten Blick wie feste Bestandteile der Applikation wirken. „Dabei kann es zu Lizenzverletzungen kommen, ohne dass der Anwender überhaupt etwas davon mitbekommt“, sagt net.DE-Director Neumann, „die Frage der Haftung ist hier nicht so einfach zu klären.“
Welche Folgen das haben kann, zeigt das Beispiel Diageo. Der britische Getränkehersteller wurde 2017 von SAP auf über 54 Millionen britische Pfund (zirka 61 Millionen Euro) an nachträglichen Lizenzzahlungen verklagt. Das Unternehmen hat aus der Cloud-Lösung Salesforce heraus auf das mySAP-ERP-System des Unternehmens zugegriffen, unter der Annahme, dass die Zugriffe über die Lizenzen für das Messaging-System SAP PI abgegolten seien. SAP sah das allerdings anders – und die Richterin folgte im Wesentlichen den Ausführungen des Software-Herstellers.
Das Problem der indirekten Zugriffe ist zwar nicht cloud­spezifisch, wird aber durch die Nutzung von verteilten Ressourcen und Software-as-a-Service-Lösungen (SaaS) erheblich verschärft. Mit dem Grad der Vernetzung und der Zahl der Schnittstellen erhöht sich die Gefahr deutlich.
Zudem lassen sich Lizenzverstösse in der Cloud wesentlich schneller feststellen und ahnden als bei der traditionellen On-Premise-Nutzung.


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