Innovationsmanagement 18.11.2019, 12:21 Uhr

Ab in die Garage: Unternehmen im Start-up-Modus

Garagen sind sagenumwobene Orte. Sie sind Geburtsstätten von Start-ups, die zu Weltkonzernen wurden. Heute ziehen Industrieunternehmen in Garagen ein. Begleitet von IT-Partnern, entwickeln sie im Start-up-Modus innerhalb kürzester Zeit neuartige Digitalprodukte.
Bill Hewlett und David Packard haben ihre ersten Geräte in dieser Garage entwickelt. Sie gilt als Geburtsort des Silicon Valley
(Quelle: Shutterstock/James William Smith)
Geht es nach den Planern, wird hier die Zukunft entstehen: Flugtaxis und autonome Drohnen starten zu Testflügen, junge und alte Unternehmen entwickeln neue Technologien und digitale Services. Doch heute ist es grau, wolkenverhangen und es regnet. Ein wenig inspirierender Tag am Flugfeld Dübendorf auf dem Gelände des Switzerland Innovation Park Zürich.
In einer unscheinbar wirkenden Baracke wird es plötzlich bunt.
Notizzettel in unterschiedlichen Farben leuchten einem entgegen. Sie sind festgepinnt an verschiebbaren Wänden. Auf den Blättern sind Ideen für ein neues Produkt, Hinweise zu Abläufen und Wünsche für die Programmierung eines Tools. In der Mitte des Raums lädt ein Sofa aus Europaletten, gepolstert mit roten und blauen Kissen, zum Verweilen ein. Doch es bleibt unberührt.
Daneben sitzt eine Gruppe lieber auf Holzstühlen, versammelt vor einer Leinwand und diskutiert die da­rauf projizierten Informationen. Sie sprechen über Schnittstellen, Datenqualität und wie sie ihren neuen Service zum Fliegen bringen können. Denn die Zeit läuft: Ende der Woche muss der Prototyp stehen, dann endet das Projekt mit einem Pitch vor Kunden und der Geschäftsleitung.
Neben der Garage, im Empfangsgebäude des Innovation Park erläutern an einem Display Uli Eisert und sein Kollege Daniel Kölsch anhand einer Präsentation, was derzeit in der Garage passiert. Eisert und Kölsch leiten die Mode-2 Garage. Eine Einrichtung der SAP Schweiz, in der Unternehmen Prototypen entwickeln können, begleitet von Eisert und Kölsch sowie von technischen Experten. Die Lösungen können auf SAP-Technik aufbauen, müssen es aber nicht unbedingt.

Die Garage als Bastelbude? Von wegen!

Daniel Kölsch (l.) und Uli Eisert von SAPs Mode-2 Garage ziehen nach dem ersten Jahr eine positive Bilanz: «Für uns ist es wertvoll, auch direkt mit Fachentscheidern zu sprechen, und ihnen aufzuzeigen, was wir noch bieten, ausser einem ERP. Nämlich die Möglichkeit, gemeinsam rasch Innovationen zu entwickeln»
Quelle: NMGZ/Computerworld
Open-Source-Technik ist genauso willkommen wie SAPs hauseigene IoT- oder Analytics-Produkte. «Wir stellen immer wieder fest, dass unsere Kunden im Tagesgeschäft festhängen. Zudem beschäftigen wir uns mit neuen Fragestellungen unserer Kunden, für die noch keine fertige Software existiert. 
as liegt in der Natur der Innovation. Wir haben gemerkt, dass wir ein Format brauchen, um Lösungsansätze mit Prototypen greifbar zu machen sowie um neue Tech­nologien wie AI, IoT oder Blockchain zu zeigen und diese auch auszuprobieren», erklärt Kölsch die Entstehung der Mode-2 Garage und betont: «Wir wollten aber keine Bastelbude sein. Sondern es sollen konkrete Lösungen entstehen.»
Eine gute Vorbereitung und Ausdauer sind wichtig, denn die Woche in der Garage ist intensiv, wie Eisert betont. «Es kann schon mal passieren, dass man am Mittwochnachmittag eine Idee verwirft und dann bis in die Nacht hinein arbeitet, damit man am Freitag ein Ergebnis präsentieren kann.»

Ein Kunde, eine Woche, eine Herausforderung

Start-ups im Silicon Valley begannen meist aus Geldnot in den Garagen der Eltern ihre ersten Produkte zu ent­wickeln. Weshalb sollte man das als etabliertes Industrieunternehmen machen? «Es ist wichtig, die Leute aus ihrer gewohnten Umgebung herauszuholen», sagt Kölsch, der seit vier Jahren in der Innovationsentwicklung bei SAP Schweiz arbeitet und die Garage mitgegründet hat. 
uch deshalb hat die Garage «ihren robusten Charakter erhalten», wie Co-Gründer Uli Eisert sagt. «Ein Kunde, eine Woche, eine Herausforderung» – so lautet das Motto. «Auf diese Weise wollen wir Kunden bewusst machen, wie weit man in nur einer Woche kommen kann», erklärt Eisert.
Anschlies­send wird abgeschätzt, inwieweit man das Projekt auf Basis des Minimal Viable Products weiterverfolgt oder ruhen lässt. Im Zentrum der Innovationsentwicklung steht der Design-Thinking-Ansatz, erläutert Eisert. Deshalb werden die Projekte wenn immer möglich mit Endkunden des Workshop-Kunden durchgeführt. Denn nur, wer den Kunden ins Zentrum der Entwicklung stellt, kann ein hochwertiges Produkt entwickeln.

«Wer hier mitmacht, muss sich austoben können»

Für Eisert sind dabei drei Dinge wichtig: ein divers zusammengestelltes Team, eine andere Arbeitsumgebung wie die Garage und ein Wegfall der Hierarchien. «Wer hier mitmacht, muss sich austoben können», ergänzt sein Kollege Kölsch. Entsprechend ist der Workshop aufgebaut.
Am ersten Tag wird untersucht, wer der Kunde ist, welche Pain Points ihn umtreiben und wie man sein Pro­blem lösen kann. Dafür werden Personas entwickelt, an denen sich die Teams während der Woche orientieren. An den darauffolgenden drei Tagen baut und programmiert das Team einen technischen Prototyp und verfeinert parallel dazu das Servicemodell, indem man immer wieder mit dem Endkunden das Produkt bespricht – bis es passt. Oder mit Eiserts Worten: «Bis der Kunde sagt: ‹Das ist gut, dafür würde ich Geld ausgeben!›»
Wichtig ist zudem, dass es günstige Proto­typen sind, für die zu Beginn wenig Geld ausgegeben und erst im weiteren Projektverlauf mehr Budget investiert wird. Auch muss am Mockup und an der Präsentation gearbeitet werden. Denn am Freitag ist Showtime: Dann gilt es, der Geschäftsleitung des Kunden das Minimal Viable Product (MVP) zu präsentieren.

Midor und die smarte Kühltruhe

Die Mode-2 Garage nahm im Juni letzten Jahres ihren Betrieb auf. Das erste Projekt startete SAP mit dem Guetzli- und Glace-Hersteller Midor. Das Ergebnis präsentierte das Projektteam auch an SAPs Hausmesse Campus in Basel, im Frühjahr dieses Jahres, wo das Projekt unter den Besuchern für Aufsehen sorgte. Fachleute von Midor und SAP arbeiteten in der Mode-2 Garage an einem Ansatz, Eistruhen quasi zu digitalisieren.
Etwa 4000 bis 5000 Kühltruhen hat Midor an seine Kunden verliehen. Allerdings ist unklar, ob und wie die Geräte genutzt werden. Manche Truhen stehen ungenutzt in Kellern oder kühlen andere Produkte als jene von Midor.
Die Idee bestand schliesslich darin, eine technische Lösung zu entwickeln, die hilft aufzuzeigen, an welchem Ort sich eine Kühltruhe befindet, welches Klima darin herrscht (also wie kalt es in der Truhe ist und welche Luftfeuchtigkeit in ihr herrscht) und welche Eissorten aktuell vorrätig sind. Auf diese Weise wäre auch nachvollziehbar, wo sich die Eistruhen befinden, ob diese überhaupt an­geschlossen sind, ob versehentlich die Türe offen gelassen wurde und wann Eis nachbestellt werden muss.

Der Endkunde muss involviert werden

Für die Projektplanung lud man auch einen Badi-Betreiber ein, denn letztlich sind Freibäder eine der Hauptzielgruppen der Kühltruhen. In der Diskussion zeigte sich, dass die Zielgruppe an der ausgedachten Lösung wenig interessiert ist.
Ein Mehrwert sei aber, Vorschläge für Eissorten zu bekommen, die wirklich gut laufen – etwa ein Benchmark über alle Schwimmbäder hinweg, auf dessen Basis Empfehlungen für das Sortiment abgegeben werden. Das Interview mit dem Endkunden von Midor war ein wichtiger Teil des Design-Thinking-Workshops, denn nur durch die ausführliche Diskussion mit einem Vertreter der Zielgruppe liess sich herausfinden, ob die Idee einer smarten Eistruhe bei den Kunden auch wirklich ankommt.

Die schlaue Kühlbox

Doch wie vermittelt man einem IT-System, dass in einer Badi jemand ein Schoggi-Glace aus einer bestimmten Kühltruhe herausgenommen hat? Hierfür zog das Projektteam einige technische Register: Wenn ein Kunde ein Eis aus der smarten Kühltruhe nimmt, registriert das ein Bewegungsmelder und eine Kamera knipst fünf Bilder, die dazu dienen, die Eissorte zu identifizieren.
Temperatur- und Feuchtigkeitssensoren registrieren, wenn es wärmer und feuchter wird, die Indizien dafür, dass die Türen der Kühlbox offen stehen. Zusätzlich gibt ein GPS die Geodaten in die Cloud weiter. Für die Entwicklung des Prototyps beschränkte sich das Team auf drei Eissorten. Mit gerade einmal Hundert Bildern trainiert, lag die Erkennungsquote der entnommenen Eissorten bereits bei 84 Prozent. Zudem entwickelte das Projektteam ein Dashboard, auf dem Infos zur Eistruhe übersichtlich dargestellt werden.
Ein Badi-Betreiber ist dadurch immer auf dem aktuellen Stand, was verkauft wurde und welches Eis nachbestellt werden muss. «Je mehr Kunden den Service nutzen, desto wichtiger wird auch die Analyse», erläutert Kölsch, womit sich etwa über Benchmarks herausfinden lässt, welche Eissorten sich am besten verkaufen.

Vom Beschlag zum digitalen Service bei der SFS Group

Inzwischen konnten Eisert und Kölsch die Entwicklung von 25 Prototypen von Kunden aus den unterschiedlichsten Branchen begleiten. Die Namen auf dem Slide, das sie während des Besuchs zeigen, liest sich zum Teil wie ein Who’s who der Schweizer Wirtschaft: Pharma, Bauwirtschaft, DetailhandelAutomotive, verarbeitende Industrie, um nur ein paar Branchen zu nennen.
Man scheint einen Nerv getroffen zu haben. So auch beim Spezialisten für Präzisionskomponenten und Befestigungstechnik SFS Group. «Ich habe die Projektwoche sehr positiv erlebt. Es herrschte Innovationsstimmung in der Garage. Sie ist ein guter Ansatz für die Entwicklung eines Minimal Viable Products, um zu spüren, ob eine Idee funktioniert», sagt Reto Buchli, Head of IT der SFS Group. «Auch die Kollegen des Fachbereichs fanden die Garage spannend, insbesondere der Design-Thinking-Workshop war ein Aha-Erlebnis, weshalb sie künftig mehr dieser Workshops mit SAP durchführen wollen.»

Kunde muss im Zentrum stehen

Auf die Idee mit der Mode-2 Garage kam Buchli, als er eine Präsentation von zwei weiteren Kunden sah. Ausserdem wollte er bei sich in der Firma aufzeigen, was SAP in neuen Themenbereichen wie Internet of Things inzwischen leisten kann. Denn meist werde SAP noch immer in erster Linie als ERP-Anbieter wahrgenommen.
“Die Art der Produktentwicklung und die Technologien dem Fachbereich an einem realen Case aufzeigen und dabei alle Stakeholder in einem Raum zu haben, waren ein grosses Plus!„
Reto Buchli, IT-Leiter, SFS Group
Buchli und seine Kollegen aus der IT-Abteilung wurde die Bedeutung des Kundenfokus einmal mehr bewusst. «Das hat uns nochmals aufgezeigt, dass der Kunde im Zentrum der Innovationsentwicklung stehen muss.» In der Garage arbeitete das Team an einer IoT-Lösung für einen intelligenten Beschlag. Dafür war extra der zuständige Projektleiter aus dem Ausland angereist, da diese Produkte nicht in der Schweiz entwickelt und hergestellt werden.

Insights aus der Wissenschaft

Eine Besonderheit war die Mitarbeit eines Professors und seines wissenschaftlichen Mitarbeiters von der naheliegenden Universität. «Die Technik war eigentlich schon da. Es ging uns also vorrangig um die Vermarktung. Wir wollten ermitteln, welche Services wir Kunden und OEMs anbieten können auf Basis der IoT-Lösung. Dafür eignete sich die Methode Design Thinking, um mögliche Zielgruppen zu definieren. Parallel konnten wir SAPs IoT-Plattform Leonardo in der Praxis kennenlernen. SAPs Techniker setzten die technischen Verbindungen auf und stellten erste User Interfaces bereit», beschreibt Buchli den Workshop.

Machine Learning erleichtert dem Abwart die Arbeit

Am Ende stand eine Lösung für Facility Manager. Sensoren an den Beschlägen registrieren besondere Bewegungen oder Anomalien bei Zimmereingängen. In Verbindung mit Machine Learning ergibt sich daraus eine Lösung für Predictive Maintenance. Ist beispielsweise um zwei Uhr nachts alles ruhig und sind die Zimmer normalerweise geschlossen, fällt eine falsche Bewegung auf.
Das wird als Anomalie erkannt und auf einem Dashboard angezeigt. Ein Facility Manager kann nun gezielt den angezeigten Eingang kontrollieren sowie einen eventuell notwendigen Unterhalt planen und durchführen lassen. Das Minimal Viable Products hat funktioniert, weshalb man bei SFS den Prototypen weiterentwickeln will.
Buchli zieht ein positives Fazit: «Der agile Ansatz, das Design-Thinking-Konzept und das Minimal Viable Products zum Schluss waren ideal. Die Art der Produktentwicklung und die Technologien dem Fachbereich an einem realen Case aufzeigen und dabei alle Stakeholder in einem Raum zu haben, waren ein grosses Plus! Für die Mode-2 Garage kann man SAP ein Kränzchen winden», resümiert der IT-Leiter der SFS Group.

Valora und der Laden ohne Kasse

Ähnlich klingt es bei Valora. «Der Ansatz der ‹Garage› für die Innovationsentwicklung hat unsere Erwartungen übertroffen. Speziell die Arbeit ‹offsite› in einer kreativen Um­gebung haben wir als sehr fördernd für Innovationen wahrgenommen», fasst Dominique Martin zusammen.
Sie ist Manager Consumer Apps & Data Services beim Convenience- und Food-Service-Anbieter. «Die Projektmitglieder konnten sich an einem neutralen Ort abseits ihrer alltäglichen Arbeit ganz auf das neue Thema konzentrieren. Diese Fokussierung und die enge Zusammenarbeit in einem kreativen Umfeld hätte inhouse wohl nicht in diesem Umfang erzielt werden können», ist Martin überzeugt.

Vom Kick-off bis zum Prototypen

Die Woche in der Mode-2 Garage nutzte die Gruppe für das Kick-off des Projekts «Avec Box». Das Projektteam für die Woche in der Mode-2 Garage bestand aus zwei Solution-Architekten, einem Mobile App­lication Developer und dem technischen Projektmanager.
“Wir sind dank der engen Zusammenarbeit in der Garage zu einem eingespielten, hoch motivierten Projektteam zusammengewachsen„
Dominique Martin, Manager Consumer Apps & Data Services, Valora
Zusätzlich waren auch Entwickler von Valoras weiteren externen Partnern vor Ort – teils die ganze Woche, teils nur an einzelnen Tagen. Als Ziele für die Garage hatte man sich bei Valora vorgenommen, dass sich das Projektteam kennenlernt, die Architektur der Gesamtlösung verifiziert ist, Entwicklungssysteme aufgesetzt und erste funktionsfähige Prototypen erstellt sind.

Projektwoche in Mode-2 Garage ebnete Weg zur Avec Box

Die Ziele wurden laut Martin vollständig erreicht. «Die ersten Proof-of-Concepts in Form von Prototypen wurden entwickelt und wir sind dank der engen Zusammenarbeit in der Garage zu einem eingespielten, hoch motivierten Projektteam zusammengewachsen. Die Woche in der Mode-2 Garage war ein wichtiger Grundpfeiler für das erfolgreiche Projekt.» Danach arbeitete das Team von Valora noch ein halbes Jahr weiter.
Das Ergebnis konnten Passanten und Reisende diesen Sommer im Zürcher Hauptbahnhof gleich selbst auspro­bieren: Begleitet von grossem Medienrummel öffnete die Avec Box ihre Türen, der schweizweit erste kassenlose Con­ve­nience Store. Dort konnten Kunden Waren aus den Regalen nehmen, die Preise abscannen und den Shop gleich wieder verlassen – ohne an der Kasse lange anzustehen, ohne Münz herauskramen zu müssen und ohne vor Ort zu bezahlen.

Garagen-Ansatz wird für künftige Projekte genutzt

Abgerechnet wurde im Hintergrund über die App und den darin hinterlegten Kreditkarteninformationen der jeweiligen Anwenderinnen und Anwender. «Wir haben den Garagen-Ansatz anschliessend in Teilen übernommen und in Form eines Labors bei uns im Unternehmen aufgebaut. Dies ist ein Ort, wo sich Projektmitglieder zurückziehen können, um an Projekten zu arbeiten und sich auszutauschen. In diesem Raum befinden sich auch alle Prototypen, um zu testen oder neue Ideen auszuprobieren», erklärt Martin.
Sie empfiehlt anderen Unternehmen, die sich für ein Projekt in der Garage interessieren: «Einfach ausprobieren und der Idee Raum geben. Die Garage ist ein sehr guter Ort, um Ideen voranzutreiben und sich mit Spezialisten und kreativen Personen intensiv und frei auszutauschen.»

Weshalb sich Garagen auch für Start-ups lohnen

Garagen für die Innovationsentwicklung gibt es auch bei ti&m. Gemäss Björn Sörensen, der als Head Innovation beim Zürcher IT-Dienstleister für diese zuständig ist, gehen von Unternehmen aus den verschiedensten Branchen Anfragen ein, um solche durchzuführen. «Das können etwa grosse Banken sein, die ausserhalb ihres Legacy-Umfelds Erfahrungen mit einer neuen Technologie sammeln und Ideen möglichst effizient umsetzen wollen», sagt Sörensen.
“Unsere Kunden sollen
 mit Hilfe der Garage rasch
 Resultate erzielen„
Björn Sörensen, Head Innovation, ti&m
Für sie sei dies insofern wertvoll, da man sich heutzutage besonders über Agilität und eine schnelle Time-to-Market definiere. Gefragt sind laut Sörensen ins­besondere Tech­nologien wie KI, Cloud oder IoT. Auch an der Blockchain ist ihm zufolge Interesse vorhanden.

Möglichst rasch Ergebnisse aufzeigen

«Wir möchten unseren Kunden mit den Garagen eine Möglichkeit bieten, möglichst schnell Resultate erzielen zu können», erläutert ti&ms Sörensen das Konzept kurz und knapp. Etwas ausführlicher heisst das, dass die IT-Firma zusammen mit den Kunden innerhalb von vier bis zwölf Wochen, ausgehend von einer Idee, ein funktionstüchtiges Minimum Viable Product (MVP) entwickelt.
Besonders spannend sei das dann, wenn man das Potenzial einer neuen Technologie anhand eines spezifischen Cases verstehen und ausprobieren wolle. Dass dies nicht nur für alteingesessene Unternehmen interessant sein kann, zeigt sich am Beispiel des Start-ups Aidonic. Mit diesem realisierte ti&m kürzlich ein Blockchain-Projekt.

Digitale Spendenlösung aus der Garage

Severiyos Aydin, der Gründer und CEO von Aidonic, rief Anfang 2013 die NGO «Aramaic Relief International» ins Leben. Mit dieser engagiert er sich seither in der humanitären Hilfe für Kriegsopfer in Syrien, dem Irak und dem Südsudan. «Bei unserer Arbeit sammelten wir im Feld viele Erfahrungen und stiessen auch auf zahlreiche Missstände», sagt Aydin.
Der Gründer suchte nach einer Lösung, um Spender besser zu motivieren und die Transparenz zu gewährleisten. Dabei sollte der Spendenprozess möglichst ganz digita­lisiert werden. 2017 sei er auf die Blockchain gestossen. Da es zu diesem Zeitpunkt noch keine Lösung am Markt gab, welche die Technologie mit dem Spendenprozess verband, machte er sich dazu seine eigenen Gedanken und erstellte ein erstes Konzept. Dieses Jahr wandte sich Aydin über den Tipp des Investors und ti&m-Beirats Thomas Dübendorfer schliesslich an ti&m.
Gemeinsam mit den Experten des Unternehmens entwickelte er in einer Garage in nur rund zwei Monaten ein einsatzfähiges MVP. Das Projekt stiess auch bei den Angestellten der IT-Firma auf Anklang, wie Sörensen sagt: «Unsere Leute waren vom Projekt sofort begeistert und wollten unbedingt mitmachen.» Vier bis fünf Personen aus unterschiedlichen Teams seien seitens von ti&m an der Garage mit Aidonic beteiligt gewesen.

Kunden sollten eine Idee im Kopf haben

Wie Sörensen erläutert, wissen Kunden zu Beginn einer Garage typischerweise bereits, welche Stossrichtung sie zusammen mit ti&m verfolgen wollen. Je nachdem sei die Idee auch schon ausgereift – wie bei Severiyos Aydin von Aidonic. Er hatte bereits eine exakte Vorstellung vom Endprodukt und einen ersten Prototyp. Dieser sei 2018 angefertigt worden und habe auf schon überarbeiteten Konzepten basiert.
So startete die Garage zunächst mit einem Brainstorming – die Innovationsgaragen orientieren sich bei ti&m wie SAP an Design-Thinking-Konzepten. Dabei sind gemäss Sörensen viele Ideen zusammengekommen. «Wir mussten dann das Ganze erst mal auf die Essenz herunterbrechen und das Alleinstellungsmerkmal bestimmen. Denn das ist es schliesslich, was einen Mehrwert generieren kann», sagt der Leiter der ti&m-Innovationsabteilung.
Das Konzept, das Aydin im Vorfeld skizzierte, besteht im Prinzip aus zwei Teilen: der «First Mile» und der «Last Mile». Bei der «First Mile» handelt es sich um ein traditionelles Crowdfunding, bei dem die Spendengelder gesammelt werden. In der Garage stellte sich gemäss Sörensen heraus, dass die «Last Mile» das Alleinstellungsmerkmal der Lösung ist, kombiniert mit der «First Mile» in einer Plattform.

Mehr Transparenz im Spendenwesen

Der Intransparenz im Spendenwesen will Aidonic mithilfe der Blockchain entgegenwirken. Nach dem Crowdfunding wird vom gesammelten Geld die exakt gleiche Anzahl Token erstellt und direkt an Bedürftige geschickt. Die Token können von ihnen dann beispielsweise im Supermarkt oder im Spital eingelöst werden.
“Unsere Spendenlösung auf Basis der Blockchain hat im Feld einwandfrei funktioniert„
Severiyos Aydin, Gründer und CEO, Aidonic
Die Transaktionen werden über die Blockchain abgewickelt und dokumentiert. Aydins Hilfs­organisation bezahlt danach aufgrund der eingelösten Token direkt den Leistungserbringer. «So entsteht eine End-to-End-Transparenz, die heute einzigartig ist – der Prozess wird von der Spenderin bis zum Empfänger nachvollziehbar», erläutert der Gründer. Sörensen zufolge wurde die Blockchain-Lösung in der Garage komplett implementiert.

Erfolgreicher Praxistest

Bei den Innovationsgaragen geht es ti&m in erster Linie nicht um den Gewinn, wie Sörensen durchblicken lässt – ähnlich klingt es übrigens auch bei SAP. «Häufig führen Garagen bei uns aber zu einem Folgeprojekt, weil man einen Ansatz danach vollständig ausbauen möchte», erklärt ti&ms Innovationschef.
Primäres Ziel der Garagen sei jeweils, mit möglichst geringem finanziellem Aufwand Innovation zu beflügeln und schnelle Resultate für den Kunden zu erzielen. Das kommt auch Jungunternehmen entgegen. Aydin sagt, dass bei ihm kompetente Entwickler gefehlt haben, um die Lösung intern zu bauen. Die Entscheidung zur Kooperation mit ti&m sei nicht zuletzt auch aus zeitlichen Gründen gefallen. «Dass wir unseren Investoren eine bereits getestete, funktionstüchtige Lösung zeigen konnten, war uns enorm wichtig.»
Diese effiziente Vor­gehensweise wür-de er daher auch anderen Unternehmerinnen und Unter­nehmern empfehlen. «Eine Garage ist ideal für Start-ups, die weder die nötige technische Erfahrung noch die nötige Zeit haben, um eine Lösung selber zu entwickeln», betont Aydin.

Go-live im Frühling 2020 in Syrien

Mit der Innovationsgarage ist der Aidonic-Gründer rückblickend sehr zufrieden. Das Team von ti&m sei von Beginn an auf seine Ideen eingegangen, sodass man sich rasch einigen konnte. Eingebracht hätten sie sich besonders bezüglich der Technik und des Designs. «Da ging es um wichtige Faktoren, für die mir teils das Verständnis fehlte. Deshalb war ich sehr froh, dass ich hierbei auf ihre Kompetenz zählen konnte», sagt der Unternehmer.
Mit dem MVP im Gepäck reiste Aydin im September nach Syrien, um die Lösung vor Ort zu testen. Wie er erzählt, hat diese dort «einwandfrei funktioniert». Im ersten Quartal 2020 soll das Go-live erfolgen. Bis dahin wird die Plattform noch weiterentwickelt, um Funktionen ergänzt und finalisiert. Ob Aidonic dafür wieder auf die Unterstützung von ti&m zählen kann, hängt noch von der ersten Finanzierungsrunde des Start-ups ab. «Wir werden diese aber schon bald abschliessen können. Erste Zusagen haben wir von Investoren bereits erhalten», versichert der Gründer.




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